Die Hexengraefin

Karla Weigand

Language: German

Publisher: PeP eBooks

Published: Apr 2, 2007

Description:

Ein packendes Frauenschicksal zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges

Die Ortenau 1628: Eine junge Frau kämpft um ihr Leben. Die erst achtzehnjährige Tochter des Schultheißen ist eingesperrt. Unter grausamer Folter soll sie gestehen, eine Hexe zu sein. Selbst ihre Freundin, die Tochter des Grafen, kann ihren Einfluss nicht geltend machen. Erst in letzter Minute gelingt die Flucht. Sie findet Unterschlupf in einem französischen Kloster. Doch auch dort ist ihr Leben in Gefahr.

Über den Autor

Karla Weigand wurde 1944 in München geboren. Sie arbeitete zwanzig Jahre lang als Lehrerin, bevor sie sich dem Schreiben zuwandte. Sie lebt mit ihrem Mann in der Nähe von Freiburg.

Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

PROLOG
Im Jahre 1484 erliess der damalige Heilige Vater, Papst Innozenz VIII., im ersten Jahr seiner päpstlichen Regierung die sogenannte »Hexenbulle«.
Die Strafverfolgung von Personen, »welche vom katholischen Glauben abgefallen waren und sich (angeblich) mit dem Teufel fleischlich vermischten«, mit allerlei Zaubereien Missbrauch trieben und damit ihren Mitmenschen, sowie Tieren und Ackerfrüchten Schaden zufügten, lag dem Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche sehr am Herzen.
Er ordnete an, dass »Inquisitoren« solche Hexen und Hexer aufspüren, in Haft nehmen und bestrafen sollten.
Wer sich indes erkühnen sollte, dagegen zu handeln und einen Inquisitor bei seiner heiligen Aufgabe zu behindern versuchte, der musste wissen, dass er damit »den Zorn GOTTES und seiner heiligen Apostel Petrus und Paulus« auf sich laden werde.
Diese Bulle hatte weitreichende Folgen. In den nächsten dreihundert Jahren sollten dem Hexenwahn in Europa Hunderttausende von Unschuldigen zum Opfer fallen …

KAPITEL 1

Ferfried, Graf von Ruhfeld, war deprimiert und angewidert zugleich. Er saß in seinem Studierzimmer in einem Eckturm seines Schlosses in der Landvogtei Ortenau und starrte auf das Schreiben, das ihm ein Bote heute Nachmittag gebracht hatte.
Der einundfünfzig Jahre alte Edelmann aus uraltem, süddeutschem Geschlecht anerkannte nur zähneknirschend die Oberherrschaft des Straßburger Bischofs, welcher ein Bruder Kaiser Ferdinands war.
Vor gut einhundert Jahren hatte das folgenschwere Versehen eines Ministerialen Kaiser Maximilians einen von Ferfrieds Vorfahren, – obwohl er zum Grafen aufgestiegen war – dennoch im Status eines landsässigen Adligen und damit als Untertan der Straßburger Bischöfe belassen, zumindest was das Recht zur Aburteilung bei Landesverrat, Ketzerei und Hexerei anbetraf; die niedere Gerichtsbarkeit indessen hatte Herr Ferfried inne.
Sein Ahnherr hatte aus Unachtsamkeit nicht umgehend gegen diese Schlamperei protestiert, und so waren die Folgen bis heute zu spüren: In der Regel war nämlich ein Graf als Angehöriger des Hochadels keinem anderen Herrn unterstellt.
Der Ruhfelder bemühte sich immer mal wieder, die hohen Herren in Wien auf den Irrtum aufmerksam zu machen, aber Wien war weit und die Kanzlisten gar sehr beschäftigte Leute …
Der Graf hatte sich von seinem Kammerdiener Raimund den Abendimbiss sowie eine Kanne mit Wein bringen lassen.
Er brachte es nicht über sich, wie gewohnt, diese Mahlzeit unten im großen Saal in Gesellschaft von Sohn und Tochter und der Schar von Edelfreien, die sein Gefolge bildeten, bei Scherz und munterem Geplauder einzunehmen. Genauso wenig wie er imstande war, über den Inhalt dieses Briefes mit einem seiner Kinder zu sprechen – noch nicht.
Raimund, seit beinahe dreißig Jahren sein treuer Leibdiener, hatte ihm gerade zum zweiten Mal den Silberbecher mit Rotwein gefüllt, und Ferfried setzte den Pokal an. Doch ohne zu trinken stellte er ihn wieder ab und griff erneut nach dem entsetzlichen Schreiben.
Konnte denn wahr sein, was ihm sein langjähriger Freund, der Magdeburger Ratsherr und Naturforscher Otto Guericke, der vom Alter her sein Sohn sein konnte, mitteilte?
»Da ist nichts als Morden, Brennen, Plündern, Peinigen, Prügeln gewesen. Mit den Weibern, Jungfrauen, Töchtern und Mägden aber ist es mit vielen übel abgelaufen; sind teils geschändet, teils zu Konkubinen gehalten worden.«
Ferfried lief es eiskalt über den Rücken.
Es war in der Tat ein Tag gewesen, der die Welt verändert hatte: Am 20. Mai 1631 hatte eine entfesselte Soldateska das protestantische Magdeburg »für die katholische Sache« in Schutt und Asche gelegt. Dabei war es zu einem Massaker gekommen, das Abscheu in Europa auslöste.
Zwanzig Zeitungen, einundvierzig illustrierte Flugblätter und zweihundert Pamphlete würden in der Folgezeit die Schreckensnachricht über alle Länder verbreiten. Das Vorgefallene war so entsetzlich, dass unsere Sprache ein eigenes Verb dafür erfand. »Magdeburgisieren« sollte ab diesem Zeitpunkt zur Metapher des Grauens werden. Jedermann konnte sich ausmalen, dass sich solche Gräueltaten jederzeit und allerorts wiederholen konnten, ja sogar zwangsweise wiederholen mussten, um Rache zu nehmen für dieses himmelschreiende Unrecht.
Graf Ferfried las Guerickes Bericht, der sachlich und scheinbar nahezu emotionslos das Inferno schilderte: Von einem Fluss, vom Blut der Massakrierten gerötet, schrieb er, auf dem haufenweise verkohlte und verstümmelte Leichen trieben, von Straßen, die übersät waren mit Leibern, an denen streunende Hunde ihren Hunger stillten, von einem Feuersturm, dessen lodernde Flammen bis zum Himmel aufstiegen und eine herrliche Stadt verschlangen. Und von Kindern wusste der Ratsherr zu berichten, die sich unter den geschändeten und erschlagenen Körpern ihrer Mütter zu verstecken suchten, und von Frauen, die von betrunkenen, entmenschten Soldaten zu Tode missbraucht worden waren, und schließlich von ganzen Familien, die, wahnsinnig vor Angst geworden, Selbstmord begangen hatten.
Der Erstürmung Magdeburgs, das wusste Graf Ferfried, war eine monatelange Belagerung durch die kaiserlichen Truppen vorausgegangen, denn Magdeburg war die erste Stadt im Reich, die sich mit dem Schwedenkönig Gustav Adolf verbündet hatte, der Deutschland von »der Tyrannei des Katholizismus« hatte befreien wollen.
Dieser Herrscher aus dem Norden mit der breiten Stirn, der kühnen Adlernase und dem intelligenten Blick seiner graublauen Augen, war ein Mann der Tat. Obwohl mit Leib und Seele Soldat, liebte er Musik und Fröhlichkeit ebenso sehr wie den Krieg und die Jagd. Sein Jähzorn war berüchtigt, aber gleichermaßen waren sein Charme, sein Mangel an Furcht, sowie sein außerordentlicher Drang nach Wissen bekannt – ein charismatischer Feldherr.
Im Jahre 1630 hatte er die wohl bedeutendste Entscheidung seines Lebens getroffen: Er war am 26. Juni auf Usedom an der Peenemündung gelandet. Damit hatte er sich entschieden, den Krieg in das kaiserliche Lager zu tragen. Obwohl er seinen Tod geahnt zu haben schien, glaubte er die Pläne der Habsburger, welche die Herrschaft über die Ostsee anstrebten und damit sein Reich bedrohten, abwehren zu müssen – von der bedrohten Freiheit der protestantischen Staaten einmal ganz abgesehen.
So war Magdeburg zu einem Bollwerk des Protestantismus geworden und hatte sogar der Belagerung durch Albrecht von Wallenstein, des Herzogs von Friedland, getrotzt. Der in den Diensten des Kaisers stehende Feldherr war schließlich mit seinen Truppen abgezogen und hatte die blühende Hansestadt verschont – in dem sicheren Wissen, deren reiche Ressourcen noch einmal nutzen zu können.
Aber der Kaiser wollte die Aufständischen mit aller Macht unterwerfen. Und General Tilly, der Gefolgsmann des Bayernherrschers und Kaiseranhängers Maximilian, hatte gehorcht und zudem die schutzlose Stadt nach der Einnahme seiner brutalen Soldateska zur Plünderung und Schlimmerem freigegeben.
»Sie zerstückelten die Leichname und schnitten den Frauen Brüste und Köpfe ab«, las Ferfried von Ruhfeld angewidert.
Die Magdeburger Hölle erreichte ihren Höhepunkt in einem riesigen Brand, der die Stadt buchstäblich auffraß. Abertausende waren dabei erstickt.
»… sind mit gräulichem, ängstlichem Mordio- und Zetergeschrei viel tausend unschuldige Menschen, Weiber und Kinder kläglich hingemetzelt worden, also dass es mit Worten nicht genugsam kann beschrieben und mit Tränen beweinet werden«, schrieb Graf Ferfrieds Freund Otto Guericke.
Herr Ferfried von Ruhfeld, Katholik und daher Parteigänger Kaiser Ferdinands II. und Kurfürst Maximilians I. von Bayern, ein Gegner Wallensteins und dezidierter Feind Gustav Adolfs, schauderte, obwohl es Anfang Juni um sieben Uhr abends noch ziemlich warm war.
Die bleiverglasten Fenster seines Gemachs standen weit offen und erlaubten einen ungehinderten...